Der Doppeljahrgang 2011 ist durch und alle erleben gerade ihre ersten Wochen als Studenten, die vornehmlich von neuen Erfahrungen, Alkohol und neuen Herausforderungen geprägt sind.
Da bei dem hier schreibenden Autoren, der Beginn der Studienzeit schon zwei Jahre her ist, wird aber dennoch über einen Neuanfang in einer neuen Stadt, neuem Umfeld, aber das Schwierigste: Einer komplett neuen Kultur berichtet: Ein Auslandssemester in Eskisehir, dem Herzen der Türkei.
Nun, für viele mag es merkwürdig klingen. Auslandssemester? Das mache ich doch in skandinavischen Ländern, England, Australien oder den USA... da geh' ich doch nicht in die Türkei. Nun wenn ich ehrlich bin war es auch nicht mein erster Wunsch in die Türkei zu gehen. Die Partneruniversität in London-Greenwich oder Amsterdam klang doch auf den ersten Blick sehr viel verlockender als Eskisehir, was den meisten Leuten wohl nichts sagt. Auch ich konnte mir bis zu meiner Ankunft nicht wirklich vorstellen was mich zu erwarten hat. Zwar habe ich bereits im Vorfeld gelesen, dass die mit 500.000 Einwohnern recht große Stadt 70.000 Studenten beherbergt, also quasi einmal Celle voller Studenten, aber wie soll man die Warnungen, dass die Menschen in Anatolien fernab der Feriengebiete etwas konservativer eingestellt sind, einschätzen?
Das Studium an sich sollte keine größeren Probleme darstellen. Die Kurse, die für mich (natürlich auf Englisch) angeboten wurden, konnte ich größtenteils schon vorher in Deutschland belegen und es handelte sich hierbei mehr um eine Wissensauffrischung in der Universität. Was das größere Problem werden sollte, fand ich schnell raus, als das Flugzeug in Ankara, immerhin der Hauptstadt der Türkei, gelandet war. Meine, ich gebe es zu, angestaubten Englischkenntnisse, erwiesen sich als überqualifiziert für das Flughafenpersonal und auch als die Reise weiter mit dem Schnellzug ging, wurde es schwierig mit der Kommunikation. Mit Händen und Füßen gestikulierend, verstand dann ein Taxifahrer doch, dass ich gerne in die Verwaltung meiner Universität wollte. Auch hier war etwas ernüchternd, dass die dort arbeitenden Leute ungefähr so viel Englisch sprachen wie zuvor der Taxifahrer. Glücklicherweise wendete sich alles zum Guten und für die Einführung bekam ich eine WG mit einem perfekt Englisch sprechenden Masterstudenten zugewiesen.
Wie es der Zufall so wollte war am gleichen Abend in einer sehr international daherkommenden Bar ein Erasmusspecial und Auslandsstudenten bekamen das erste Bier gratis. Super Einstand! Bei Bier und Nüssen lernte ich dann auch meine ersten türkischen Worte wie Merhaba, Tesekkür ederim oder Siktir lan, was so viel heißt wie: Hallo, Danke und Fick dich.
Gerüstet mit den wichtigsten Worten, die man so im Leben braucht, erkundete ich die Stadt auf eigene Faust und traf auf allerlei freundliche Leute, die mir halfen, die Speisekarte, mit der ich offen gesagt nichts anfangen konnte, zu entschlüsseln, sodass ich dann doch zu einem schmackhaften Essen aus der sehr guten türkischen Küche kam.
Nach einer Orientierungsphase in der Stadt trudelten auch Stück für Stück andere Erasmusstudenten ein, man lernte Leute kennen und wechselte nochmal kurz die WG falls gewünscht. Auch ich bin zu zwei türkischen Studenten gewechselt, die ich in der Universität kennengelernt und mich auf Anhieb super mit ihnen verstanden habe. Durch sie bekam ich auch Kontakt zu anderen Einheimischen, was für mich sehr viel wichtiger ist, als der Kontakt zu den Erasmusstudenten, weil die sieht man zwangsweise sowieso überall.
Die Bedenken wegen der Kultur und den Vorurteilen, die man aus allen Richtungen hört? Schon nach einer Woche waren sie wie weggefegt. Bislang habe ich hier alle Menschen als freundlich, hilfsbereit und durchaus partytauglich kennengelernt. Sei es im Handyshop um sich eine SIM-Karte zu besorgen (was in der Türkei ein echtes Problem ist), im Restaurant, in diversen Bars und natürlich wenn man sich so kennenlernen will. Dass ein paar Mal am Tag von der Moschee der Gebetsaufruf erklingt, stört weitaus weniger als der Luftwaffenstützpunkt, der am Rand der Stadt liegt. Schön ist anders, wenn man Montagmorgen verkatert im Bett liegt und in aller Hergottsfrühe, um 11:00 Uhr, aus dem Bett „geflogen“ wird, da sich die Flugschneise rein zufällig direkt über dem Stadtzentrum befindet. Nervtötend ist derweil auch der Wasserwagen, der Trinkwasser zum Verkauf anbietet und mit einer schrillen Eiswagenmelodie durch die Straßen fährt.
Der kulturelle Unterschied, wenn man nicht gerade mit Studenten, die im großen Teil Mädchen wie auch Jungs sehr westlich orientiert sind, unterwegs ist, besteht zwar, ist aber bei Weitem nicht in der Form spürbar wie gedacht. Die Eltern meiner Mitbewohner haben mich herzlich willkommen geheißen und ich hatte keine Probleme, auch wenn ich morgens total betrunken ihnen entgegen getorkelt bin. Trotz dessen wurde ein weiterer Besuch nicht nur gewünscht, sondern verlangt.
Das Studium selbst gibt es ja auch noch. Im Gegensatz zu den meisten anderen Auslandsstudenten, habe ich ganz schönes Glück gehabt. 18 ETCS Punkte, was 4 Kursen entspricht, von denen ich nur 3 besuchen muss, da mich der Professor in der ersten Stunde beiseite nahm und meinte für mich gäbe es keine Anwesenheitspflicht, da er viel auf Türkisch sprechen werde. Klingt super. Zwei der drei anderen Kurse sind mit hervorragenden Professoren ausgestattet, die in den USA studiert haben. Der dritte Kurs, nun sagen wir es freundlich: Der Herr spricht etwas besser Englisch als der Taxifahrer. Idealerweise habe ich nun die drei/vier Kurse nicht über die Woche verteilt, sondern direkt am Dienstag und Mittwoch, was für Städtetouren in der ganzen Türkei mehr als einladend ist.
Für mich haben zweifelsohne die letzten Wochen tolle Erfahrungen zu bieten gehabt und ich kann jedem nur empfehlen in der Türkei abseits von Antalya oder Izmir das Land und die Leute zu entdecken. Ich für meinen Teil war positiv überrascht und die Angst, alleine in ein fremdes Land für mehrere Monate zu reisen, wurde mir recht schnell genommen. Definitiv kann ich jetzt auch eins sagen: Werft eure Döner und Dönerrollen weg! Das türkische Essen ist dermaßen genial, dass dies fast eine Beleidigung der türkischen Küche ist. Auch wenn man natürlich seine Lieben zu Hause vermisst, genieße ich hier jede Sekunde.
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